Was bedeutet Akutes Koronarsyndrom?
Der Begriff Akutes Koronarsyndrom (kurz: ACS) fasst mehrere Krankheitsbilder zusammen, die durch eine plötzliche, kritische Verengung oder einen Verschluss einer Herzkranzarterie entstehen. Herzkranzarterien sind die Blutgefäße, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen.
Zum akuten Koronarsyndrom gehören die instabile Angina pectoris, der Nicht-ST-Hebungs-Infarkt (NSTEMI) und der ST-Hebungs-Infarkt (STEMI). Diese Formen unterscheiden sich darin, wie stark der Herzmuskel geschädigt wird und welche Veränderungen sich im EKG sowie in bestimmten Blutwerten zeigen. Die Unterscheidung ist medizinisch wichtig, weil sich daraus die Prognose und die Behandlung ableiten. Die europäische Fachgesellschaft für Kardiologie betrachtet diese Formen seit 2023 als Teil eines durchgängigen Krankheitsspektrums und empfiehlt ein einheitliches Versorgungskonzept vom Erstkontakt bis zur Nachsorge.
Das akute Koronarsyndrom gehört in den größeren Zusammenhang der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vertiefende Grundlagen finden Sie in Kardiologie A-Z, Angina Pectoris und Kardio CT vs Kardio MRT .
Ursachen und Entstehung von akutem Koronarsyndrom
In den meisten Fällen liegt dem akuten Koronarsyndrom eine Verkalkung der Herzkranzarterien (Atherosklerose) zugrunde. Über Jahre lagern sich an den Gefäßinnenwänden Ablagerungen aus Fetten und anderen Stoffen ab, sogenannte Plaques. Solche Plaques können plötzlich aufreißen oder sich entzünden. Dabei wird Material freigesetzt, das die Blutgerinnung aktiviert. Es bildet sich rasch ein Blutgerinnsel (Thrombus), das die Arterie ganz oder teilweise verschließt. Der dahinterliegende Bereich des Herzmuskels wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt – es kommt zu einer Sauerstoffunterversorgung (Ischämie) und, je nach Dauer und Ausmaß, zum Absterben von Herzmuskelgewebe.
Bemerkenswert ist, dass auch solche Plaques aufreißen können, die zuvor nur eine geringe Verengung verursacht haben. Der Schweregrad einer Verengung im Vorfeld lässt sich daher nicht zuverlässig als Vorhersage für ein akutes Ereignis nutzen.
Seltenere Ursachen sind ein Einschwemmen eines Gerinnsels aus dem Herzen oder aus anderen Gefäßen (Embolie), ein Krampf einer Herzkranzarterie (Koronarspasmus, etwa nach Konsum von Kokain) sowie ein Einriss in der Gefäßwand einer Herzkranzarterie (spontane Koronardissektion). Letztere tritt häufiger bei Schwangeren, im Wochenbett oder bei bestimmten Bindegewebserkrankungen auf.
Für das Verständnis der zugrunde liegenden Gefäßveränderungen sind die Artikel Arteriosklerose und Koronare Herzkrankheit besonders relevant. Beide erklären, wie Ablagerungen in den Gefäßen entstehen und warum sie für Herzereignisse bedeutsam werden können.

Symptome und Warnzeichen bei akutem Koronarsyndrom
Die Beschwerden ähneln sich bei allen Formen des akuten Koronarsyndroms und werden von Betroffenen sehr unterschiedlich wahrgenommen. Häufig steht ein Unwohlsein im Brustbereich im Vordergrund, das als Druck, Enge, Brennen, Reißen oder stechender Schmerz beschrieben wird. Viele Betroffene empfinden die Beschwerden eher als Unbehagen denn als klassischen Schmerz.
Begleitend treten häufig folgende Anzeichen auf:
Die Beschwerden lassen sich allein anhand der Symptome nur eingeschränkt einem bestimmten Schweregrad zuordnen. Personen mit Diabetes mellitus können eine Herzmuskelschädigung sogar weitgehend schmerzfrei erleben („stumme Ischämie”); sie wird dann häufig erst bei einer ärztlichen Untersuchung entdeckt. Frauen und Männer können in unterschiedlichem Maße betroffen sein und sich in der Beschwerdeschilderung unterscheiden – beide Geschlechter profitieren jedoch in gleicher Weise von einer raschen Diagnose und Behandlung.
Bei Brustbeschwerden ist die Abgrenzung zu anderen Herzerkrankungen wichtig. Zusätzliche Orientierung bieten Herzklappenfehler sowie Rheuma und das Herz, wenn kardiologische Beschwerden in einem breiteren medizinischen Kontext betrachtet werden sollen.
Diagnostische Verfahren bei akutem Koronarsyndrom
Beim Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom verläuft die Diagnostik nach einem festen Schema, das innerhalb kurzer Zeit Klarheit bringen soll. Die Diagnose stützt sich auf eine Kombination aus Krankengeschichte, Beschwerdebild, Vitalzeichen, EKG und Blutuntersuchungen.
Elektrokardiogramm (EKG): Das EKG ist die wichtigste Erstuntersuchung und sollte möglichst innerhalb von zehn Minuten nach Eintreffen in der Klinik durchgeführt werden. Es zeichnet die elektrische Aktivität des Herzens auf und zeigt typische Veränderungen, die unter anderem zwischen einem ST-Hebungs-Infarkt und anderen Formen unterscheiden helfen. Da sich der Befund im Verlauf ändert, werden in der Regel mehrere EKGs hintereinander geschrieben.
Kardiale Biomarker im Blut: Bei einer Schädigung des Herzmuskels treten bestimmte Eiweiße aus den Muskelzellen ins Blut über, vor allem das kardiale Troponin. Moderne hochempfindliche Troponin-Tests können bereits sehr geringe Mengen nachweisen. In der Regel wird der Wert bei Vorstellung und nach einigen Stunden erneut bestimmt; der Verlauf liefert wichtige Hinweise darauf, ob ein Herzinfarkt vorliegt. Standardisierte Algorithmen helfen, einen NSTEMI rasch zu bestätigen oder auszuschließen.
Koronarangiographie (Herzkatheteruntersuchung): Bei dieser Untersuchung werden die Herzkranzarterien mithilfe eines Kontrastmittels und Röntgendurchleuchtung sichtbar gemacht. Verengungen und Verschlüsse lassen sich so direkt darstellen. Häufig ist die Koronarangiographie gleichzeitig Diagnostik und Therapie, weil eine Engstelle in derselben Sitzung mit einem Ballon aufgedehnt und mit einer Gefäßstütze (Stent) versorgt werden kann. Beim ST-Hebungs-Infarkt erfolgt diese Untersuchung notfallmäßig, bei einem NSTEMI mit hohem Risiko innerhalb von 24 Stunden nach der Klinikaufnahme.
Ergänzende Untersuchungen: Zur Beurteilung der Pumpfunktion und möglicher Komplikationen kommt häufig eine Herzultraschalluntersuchung (Echokardiographie) zum Einsatz. Bei unklaren Befunden kann zudem ein Belastungstest (etwa ein Belastungs-EKG oder eine Belastungs-Echokardiographie) durchgeführt werden, meist vor oder kurz nach der Entlassung.
Für nicht-invasive Herzdiagnostik kommen je nach Fragestellung auch MRT Herz, Kardio MRT und Herz CT infrage. Ergänzend kann die MRT Angiographie bei bestimmten Gefäßfragestellungen eine Rolle spielen.
Bei thorakalen Beschwerden können außerdem Schnittbildverfahren zur Einordnung beitragen. Relevante Informationen dazu finden Sie in CT Thorax und MRT Thorax.
Behandlungsmöglichkeiten bei akutem Koronarsyndrom
Das akute Koronarsyndrom ist ein medizinischer Notfall. Eine schnelle Diagnose und ein rascher Behandlungsbeginn haben großen Einfluss auf das weitere Krankheitsgeschehen.
Bereits vor Eintreffen in der Klinik beginnt die Versorgung durch den Rettungsdienst, üblicherweise mit Sauerstoffgabe bei Sauerstoffmangel, Acetylsalicylsäure (Aspirin) zur Hemmung der Blutgerinnung, Nitraten zur Erweiterung der Gefäße und der gezielten Auswahl einer geeigneten Klinik.
In der Klinik folgt eine medikamentöse Therapie mit Wirkstoffen, die das Verklumpen der Blutplättchen hemmen, mit Gerinnungshemmern, gegebenenfalls Betablockern und weiteren Medikamenten je nach Befund und Begleiterkrankungen.
Beim ST-Hebungs-Infarkt steht die rasche Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes im Vordergrund. Dies geschieht bevorzugt durch eine perkutane Koronarintervention (PCI), bei der die Engstelle mittels Herzkatheter mit Ballon und Stent behandelt wird. Steht eine solche Behandlung nicht zeitgerecht zur Verfügung, kann das Gerinnsel medikamentös aufgelöst werden (Fibrinolyse). In bestimmten Fällen, etwa bei mehreren komplexen Verengungen oder bei Beteiligung des Hauptstamms der linken Herzkranzarterie, ist eine Bypass-Operation die geeignetere Option.
Nach der akuten Phase folgt eine längerfristige Behandlung. Sie umfasst in der Regel eine duale Plättchenhemmung mit Acetylsalicylsäure und einem zweiten Plättchenhemmer über typischerweise zwölf Monate, einen Betablocker, einen ACE-Hemmer (oder bei Unverträglichkeit ein vergleichbares Medikament) sowie eine konsequente, frühzeitig eingeleitete Cholesterinsenkung mit einem Statin. Ergänzend gehören ein angepasstes Bewegungsprogramm, eine Herz-Kreislauf-Rehabilitation, eine gesunde Ernährung und – sofern zutreffend – eine Raucherentwöhnung zu den wichtigsten Maßnahmen, um erneuten Ereignissen vorzubeugen. Männer und Frauen profitieren gleichermaßen von diesen Maßnahmen.
Eine konkrete Therapieempfehlung im Einzelfall kann ausschließlich ärztlich, auf Grundlage aller individuellen Befunde und unter Einbezug der Patientin oder des Patienten in die Entscheidungsfindung, getroffen werden.
Wenn Gefäßverschlüsse, Blutgerinnsel oder Durchblutungsstörungen im Mittelpunkt stehen, können ergänzende Hintergrundartikel wie MRT Thrombose und Die Computertomographie (CT) auf einen Blick helfen, bildgebende Verfahren besser einzuordnen.
Wann sollte bei akutem Koronarsyndrom ärztliche Hilfe gesucht werden?
Da ein akutes Koronarsyndrom ein lebensbedrohlicher Notfall sein kann und der Behandlungserfolg entscheidend von der Zeit abhängt, gilt: Bei plötzlich auftretenden Beschwerden im Brustbereich – insbesondere Druck, Enge oder Schmerz, gegebenenfalls mit Ausstrahlung, begleitet von Atemnot, Übelkeit, Schweißausbruch oder Kaltschweißigkeit – sollte unverzüglich der Notruf (in Deutschland 112) verständigt werden. Auch bei einer bekannten Angina pectoris, deren Beschwerden plötzlich häufiger, stärker, länger andauernd oder bereits in Ruhe auftreten, ist ein sofortiges Aufsuchen ärztlicher Hilfe geboten.
Plötzlich auftretende neurologische Ausfälle sind ein anderer Notfallkontext, der ebenfalls eine rasche Abklärung erfordert. Informationen dazu finden Sie im Artikel Schlaganfall.
Weiterführende Informationen
Für die weitere Orientierung zu bildgebenden Verfahren und verwandten Untersuchungen können diese Inhalte hilfreich sein: Vorbereitung CT Untersuchung, CT Kopf, CT Untersuchungen und MRT Thorax.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
